Nach/Lese

Von Mut, Mittelmaß in der Führung zu überwinden

von Edin Mustedanagic
29. 04. 2026
Lesezeit: 5 Minuten

Wo bleiben mutige Entscheidungen, wenn sie gebraucht werden? Und warum kommen sie oft so spät? Im Diskurs über Marktrisiken bleibt ein großes Wagnis oft unsichtbar: das „Risiko Mensch“ an der Spitze. Seit 2008 wird in einer groß angelegten Studie untersucht, wie Unternehmen mit diesem Thema umgehen. Oder auch Trends verschlafen. Wie Talentmanagement über die Zukunftsfähigkeit von Organisationen entscheidet.

Ein spannender Impulsabend im Linzer Café Volksgarten: Im Raum liegt spürbare Vorfreude auf das erste HR/Café des Jahres und auf ein Thema mit großer Tragweite. Der Austausch startet mit einer Reflexionsrunde: Die Teilnehmer:innen beurteilen zuerst das Risikomanagement in ihrem jeweiligen Unternehmen. Spontan. Ehrlich. Dann geben alle ein Feedback ab: Wie nachvollziehbar und transparent ist das Talent- und Kompetenzmanagement in ihren Unternehmen aktuell? Die Punkte auf der Bewertungsskala verteilten sich breit: von „gar nicht“ bis „vollkommen“. Alle werden sich rasch einig: Talentmanagement ist kein HR-Projekt, sondern eine strategische Kernaufgabe. Doch wie gelingt der Wandel von einer Organisation, die Talente „verwaltet“, zu einer, die sie entwickelt und hält? Die Antworten kommen von den beiden Speakern des heutigen Abends: Professor Dr. Gerhard Graf, Vorstand der Transformation Management AG, und Top-Manager sowie Ex-AGRANA-CEO Markus Mühleisen. Valeria Kovalchuk moderiert mit fachlicher Expertise die Runde.

Kalibrieren wir Mittelmäßigkeit?

Wir blicken zurück ins Jahr 2008. Dr. Gerhard Graf startet eine breit angelegte Studie zum Reifegrad von Talentmanagement in Unternehmen. Er untersucht mit seinem Team in den darauffolgenden Jahren bis heute über 500 Firmen, darunter zahlreiche DAX- und ATX-Unternehmen. Die Datenbasis der Studie ist beeindruckend, die Ergebnisse lassen aufhorchen: „Viele Unternehmen praktizieren Talentmanagement so, als würden sie eine mittelmäßige Maschine kalibrieren“, zeichnet Gerhard Graf ein ernüchterndes Bild. Oft werden „Systemerhalter“ sozialisiert. Es sind kluge Köpfe, aber ohne zündende Ideen, um die Organisation wirklich auf das nächste Level zu heben. Die „Global Elite Quality Index“-Studie (mit 120 Merkmalen und Fokus auf den DACH-Raum) fasst es lapidar zusammen: Führung wird bestellt, aber nicht geliefert. Laut einer Untersuchung der University of Chicago nimmt die Führungsqualität im Top-Management sogar tendenziell ab. Das Risiko dabei: „Wer nur auf Effizienz setzt, verschläft die Zukunft – so wie die Automobilindustrie die E-Mobilität“, so die Speaker im HR/Café. Die meisten Unternehmen im DACH-Raum haben zwar Prozesse, doch diese sind oft nur mittelmäßig bis schwach ausgeprägt. Statt Innovation zu fördern, werden Systeme erhalten, die keine Verantwortung einfordern. Die Gefahr dabei: Wer sich ausschließlich auf Prozessoptimierung konzentriert, macht das Unternehmen zwar „fit“, aber nicht zukunftsfähig.

Diese und weitere Ergebnisse sind im aktuellen Buch „Strategisches Talent- und Kompetenzmanagement neu denken“ von Dr. Gerhard Graf und Dr. Stephan Laske nachzulesen. Die Autoren zeigen darin aber auch auf, wie Unternehmen wirksame Werkzeuge für eine strategische und effektive Talentpolitik nutzen können.

Talentmanagement im DACH-Raum:
immer noch unterschätzt

Ein Blick in die CEO-Etage zeigt: Talentmanagement wird im deutschsprachigen Wirtschaftsraum häufig als „weiches Thema“ abgetan und damit nicht als strategischer Hebel, erläutert Markus Mühleisen. Der Manager war 35 Jahre lang in acht Ländern auf vier Kontinenten in leitenden Positionen tätig. Als CEO von AGRANA verantwortete er 9.000 Mitarbeiter:innen in 26 Ländern. Mühleisen gewährt im HR/Café interessante Einblicke in die internationale Praxis. Im angelsächsischen Raum etwa ist Talentmanagement Chefsache und wird auch in Aufsichtsräten diskutiert. Im DACH-Raum hingegen wird es oft als „HR-Bubble-Thema“ behandelt, obwohl die Herausforderungen dieselben sind. Sein Fazit: Talentmanagement muss breit gedacht werden. Nicht nur als Recruiting, sondern als kontinuierliche Entwicklung von Leistungsträgern.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem HR/Café

Talentmanagement bedeutet, das Risiko zu minimieren, entscheidungsschwache Führungskräfte an den entscheidenden Hebeln zu haben. Es geht darum, wie sich Unternehmen organisieren, um die am besten geeignete Köpfe auf die oberste Ebene zu bringen. Transparent und nachvollziehbar.

Wenn wir nur Prozesse optimieren und Kosten senken, stellen wir die falschen Fragen. Die eigentliche Frage lautet: Wie organisieren wir uns, damit die besten Talente an der Spitze stehen?

Dr. Gerhard Graf

Strategische Nachfolge und Talentmanagement sind kein Nebenbeigeschäft. Es ist das Fundament für künftigen Erfolg und die Leistungsfähigkeit des Unternehmens.

Markus Mühleisen

Wir bedanken uns für das große Interesse an unserem Format. Danke unseren geschätzten Gästen, unter anderem von Silhouette International, ELIN, Primetals Technologies, Business Upper Austria, Fischer Brot, Fronius, Land OÖ, ENGEL Austria, Lebenshilfe Oberösterreich, LINZ AG und vielen mehr fürs Dabeisein! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen.

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