Beziehungs/Weise

Alte Meister – brauchen wir sie noch?

von Tomá Ivanov
04. 10. 2022
Lesezeit: 5 Minuten

Alte Hasen aufs Abstellgleis? Noch immer herrschen viele Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmer:innen. Unflexibel, nicht mehr leistungsfähig, outdated Skill-set. Aber ist es wirklich so? Ein fataler Trugschluss. Outdated ist – wenn überhaupt – das altersdiskriminierende Mindset, das ganz nebenbei völlig an der Realität vorbeischießt.

Denn genau diese alten Hasen, die langgedienten Berufstätigen, haben durch ihre jahrzehntelange Erfahrung wertvolle Fähigkeiten kultiviert, die kein Unternehmen durch noch so ehrgeizige, motivierte oder effiziente Frischlinge ersetzen könnte. Der Trend kehrt sich nicht nur als zwingende Konsequenz demografischer Entwicklung um. Denn über 50-Jährige werden eine immer wesentlichere Rolle im Fach- und Führungskräftebereich spielen.

Ein Blick in die Zukunft: Der demografische Wandel wird den üblichen Präferenzen vieler Personaler einen Strich durch die Rechnung machen. Positionen mit den heiß begehrten, jugendlich-dynamischen Mitarbeiter:innen zu besetzen, wird in Zukunft alles andere als leicht. Um nicht zu sagen richtig schwer. Denn die europäische Gesellschaft altert – und zwar in nicht unbeträchtlichem Tempo. Die Statistik Austria prognostiziert:

"Während heute auf eine Person im Pensionsalter noch drei Erwerbspersonen kommen, werden es bereits 2040 nur noch zwei sein."

Babyboomer sei dank!

Dass die Zahl der Erwerbstätigen noch halbwegs beständig bleibt und nicht völlig ins Bodenlose abrutscht, ist laut Statistik Austria weitestgehend der Babyboomer-Generation zu verdanken. Bei der Altersgruppe ab 55 steigt die Zahl der am Arbeitsmarkt aktiven Personen bis 2050 um ein knappes Viertel. Die Zahl der unter 35 Jahre alten Erwerbspersonen soll bis Mitte des 21. Jahrhunderts hingegen um acht Prozent zurückgehen, jene der 35- bis 54-jährigen um fünf Prozent.

Die Ära vorgezogener Ruhestände und Alterszeiten sind also definitiv Geschichte. Das Angebot am Arbeitsmarkt ist ohnedies schon im Sinkflug begriffen und der große Jammer um den Fachkräftemangel wird, wie es scheint, in nächster Zeit nicht abklingen. Die Alten werden mehr, die Jungen weniger. Was aber bedeutet das für das einzelne Unternehmen?

Synergie der Generationen

Es bedeutet jedenfalls nicht, dass jedes Unternehmen die demografische Situation exakt abbilden muss. Es geht auch um etwas Anderes: Die moderne HR-Kultur pflegt Diversität nicht nur, um gesetzliche Vorgaben oder Quoten zu erfüllen, sondern um die unterschiedlichen Stärken der verschiedenen Geschlechter, Kulturen und Charaktere nutzbar zu machen – das ist beim Thema Altersdiversität nicht anders.

Man könnte es auch die Synergie der Generationen nennen. „Brückenbauen“ ist das Stichwort. Unternehmen, die konkrete Maßnahmen implementieren, um Verständigungsprobleme zwischen den verschiedenen Generationen abzubauen, sind am Puls der Zeit. So wir die Generationenvielfalt innerhalb des Unternehmens zum großen Pluspunkt, zum Wettbewerbsvorteil, der langfristig nicht nur die Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen steigert, sondern gleich die gesamte Produktivität.

Alte Meister in der modernen Berufswelt

Der Begriff „Alte Meister“ ist hauptsächlich im Handwerksgewerbe gebräuchlich. In der zeitgenössischen Kunst werden unter „Alte Meister“ Künstler und Maler des 14. bis 18. Jahrhunderts subsummiert. Der Wert des Alters ist in diesen Disziplinen evidenter, denn die individuelle, hochspezifische Expertise, die während eines ganzen Leben herangereift ist, kann durch nichts ersetzt werden. Doch wer sind die „alten Meister“ der modernen Berufswelt? Gibt es sie denn überhaupt? Und – wenn ja – welche Fähigkeiten zeichnen sie aus?

Es ist nicht (nur) die Erfahrung!

Sie wird oft als erstes genannt. Liegt sie doch auf der Hand. Die „Erfahrung“. Und ja, natürlich bringen Oldies reichlich von ihr mit. Vor allem in ihrem spezifischen Tätigkeitsfeld. Aber auch Lebenserfahrung. Und die ist ein entscheidender Vorteil - auch gegenüber den jüngeren Kolleg:innen. Denn Ältere können ihr Wissen reflektierter und mit mehr Weitblick zum Einsatz bringen.

Doch Erfahrung ist eben nicht der einzige Vorteil. Höhere Kommunikations- und Vermittlungskompetenz in gewissen Zielgruppen und Demografien ist ein weiterer und entscheidender Faktor. Wir sollten nämlich nicht vergessen, dass nicht nur die Arbeitskräfte sondern auch die Kund:innen und Konsument:innen älter werden.

Ein Bankkunde wird sich bei einem Berater der gleichen Altersgruppe in der Regel wohler fühlen als bei einem Frischling, der sich nur schwer in seine Lebenssituation hineinversetzen kann.

Das Leben ist zu kurz für Konkurrenzdenken

Genau das wissen ältere Arbeitskräfte schon. Und sind deshalb auch deutlich relaxter, offener. Teamplayer eben. Was gleichzeitig auch beträchtliche Auswirkungen auf die gesamte Unternehmensdynamik hat. Ein Mindset, das zum einen Ruhe und Gelassenheit in den Betriebsalltag bringt.

Es fördert zudem den formellen als auch informellen Wissenstransfer, da die alten Hasen ihr Wissen in der Regel viel bereitwilliger teilen. Auch das Wertebewusstsein innerhalb des Unternehmens wird durch eine im Alter gediegenere, zwischenmenschliche Qualität bereichert.

Hohe Loyalität

Der für viele Unternehmen vielleicht wichtigste Faktor ist allerdings die Loyalität – gerade in einer Zeit, in der sich Arbeitgeber:innen bei Arbeitnehmer:innen bewerben und nicht umgekehrt. Die +50ies haben zumeist keine Experimente mehr nötig.

Sie befinden sich in einer Position, in der sie sich wohlfühlen und die sie wertschätzen. Vor allem aber färben diese Werte auch an die etwas zappeligen und wählerischen Nachwuchstalente ab, was wiederum dazu beitragen kann, die Mitarbeiter:innen Fluktuation vergleichsweise gering zu halten.

Wer also immer noch meint, die alten Hasen gehören zum noch älteren Eisen und sie deshalb aufs Abstellgleis befördert, der beraubt sich einer Quelle von nicht ersetzbarem Wissen und Erfahrung. Und einem entscheidenden Vorteil auf allen Ebenen.

Reminder gefällig?

Einfach anmelden und regelmäßig Infos über neue Blog-Beiträge aus dem HR/Café erhalten.