Beziehungs/Weise

Spieglein, Spieglein an der Wand:
Wer ist der schönste Arbeitgeber im ganzen Land?

Gabriele Fischereder

08. 02. 2017
Lesezeit: 4 Minuten

Lachende Mitarbeiter Arm in Arm vor der Unternehmensfiliale, eine beeindruckende Liste an Benefits in der Stellenausschreibung und eine Zierleiste bestehend aus Arbeitgeber-Siegeln: Der Wettkampf um die Top-Talente im Land ist schon lange eröffnet und die Arbeitgeber putzen sich dafür ordentlich heraus. Aber halten die blühenden Formulierungen und schönen Bilder auch tatsächlich, was sie versprechen? Eine kritische Betrachtung.

Der demografische Wandel, Fachkräftemangel, fehlende Qualität bei den Lehrlingen: Beinahe jeder Personaler kann ein Lied von diesen Herausforderungen singen. Es wird immer schwieriger, qualifizierte, engagierte und zum Unternehmen passende Mitarbeiter zu gewinnen.

Mehr und mehr versuchen Arbeitgeber deshalb, sich auf ihre Zielgruppe einzustellen, deren Bedürfnisse zu erforschen und sie mit „Zuckerln“ anzulocken. Da werden Goodies angeboten, die zentrale Bürolage gepriesen, das sympathische Team gelobt und die Top-Aufstiegschancen hervorgehoben. Aber damit ist der Fisch leider noch nicht an der Angel.

 

Challenge #1:
Alle sagen das gleiche

Wenn man sich durch Stellenanzeigen auf Jobplattformen klickt oder den Karriereteil am Wochenende durchblättert, fällt eines recht schnell auf: Irgendwie klingt das alles gleich. Für verschiedenste Positionen wird Teamfähigkeit, Durchsetzungsstärke und Stressresistenz gefordert.

Im Gegenzug dafür gibt es „tolle Aus- und Weiterbildung“, einen „vielseitigen Aufgabenbereich“ und ein „dynamisches Umfeld“. Es scheint, als schreibt so mancher Recruiter vom anderen ab - oder macht man sich vielleicht nur zu wenig Gedanken über Unternehmenskultur, echte Alleinstellungsmerkmale und das konkrete Profil eines künftigen Mitarbeiters?

Fakt ist: Wenn jeder Arbeitgeber ähnliches fordert und bietet, wird es für Bewerber fast unmöglich festzustellen, zu welchem Unternehmen sie am besten passen und umgekehrt.

 

Challenge #2:
Um den heißen Brei-Rederei

Begriffe wie „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ oder „ein hohes Maß an Gestaltungsspielraum“ sind recht dehnbare Formulierungen und können mitunter in jeder Organisation etwas Anderes bedeuten. Wo die einen wirklich mit einem ausgeklügelten Lebensphasen-Management aufwarten, bieten die anderen unter demselben „Marscherl“ gerade mal die Möglichkeit Teilzeit zu arbeiten.

Auch hier ist das Ziel, möglichst konkret zu sagen, was denn nun genau damit gemeint ist. Das Zauberwort lautet: Storytelling. Beispielhafte Geschichten wie jene der Mitarbeiterin, die vorübergehend Teilzeit arbeitet, um ihre Matura nachzuholen oder die des jungen Vaters, der eine mehrmonatige Auszeit nach der Geburt seiner Tochter in Anspruch nimmt, bringen Nähe und einen klaren Eindruck davon, was gelebte Work-Life-Balance in einem Betrieb wirklich bedeutet.

 

Challenge #3:
Wackelnder Reality Check

Haben wir tatsächlich ein „sehr gutes Betriebsklima“ oder hätten wir bloß gerne eines? Sind unsere Sozialleistungen wirklich attraktiv und wenn ja, trifft das auch auf die Gesundheitsschuhe und die Pensionsvorsorge zu, die wir unseren Millenials anbieten?

Unternehmen sollten sich bei der Analyse ihrer Stärken und Besonderheiten als Arbeitgeber immer auch Mitarbeitermeinungen einholen. Denn nur, wer an der Basis arbeitet und täglich mit Kollegen, Vorgesetzten und Kunden zu tun hat, kann objektiv beurteilen, was das Besondere und Tolle am Arbeitsplatz ist. Und eben auch, was als weniger prickelnd erlebt wird.

Mut zur Lücke!

Wenn Sie bei einem ersten Date Ihren potentiellen Lebenspartner beeindrucken möchten, werden Sie sich kaum in der ausgeleierten Gemütlichkeitshose präsentieren – selbst wenn das das Nummer 1-Outfit für den künftigen gemeinsamen Alltag sein sollte.

Genauso verhält es sich beim Werben um neue Mitarbeiter: Natürlich zeigen sich Unternehmen da von ihrer besten Seite. Wichtig ist aber, dass neben all den Vorzügen auch offen gesagt wird, was im Arbeitsalltag vielleicht ein wenig unbequem werden könnte. Damit meine ich nicht, den cholerischen Chef oder das mittelmäßige Essen in der Kantine groß in der Stellenanzeige anzupreisen.

Sympathisch und glaubwürdig wird ein Arbeitgeber aber dann, wenn er z.B. ehrlich kommuniziert, dass in Spitzenzeiten auch mal bis in die Nacht hinein gearbeitet wird und alle anpacken müssen, wenn der Stress ausbricht; im Gegenzug dann aber auch Zeitausgleich gewährt und erfolgreiche Projekte gebührend gefeiert werden.

Deshalb, liebe Arbeitgeber,
appelliere ich an Ihren Mut:
Trauen Sie sich, authentisch zu sein!
Erlauben Sie Ihren Bewerbern echte Einblicke in den Arbeitsalltag.

Verschönern Sie nur jene Dinge, die auch wirklich schön sind. Wenn Sie es schaffen, einen ehrlichen Eindruck vom künftigen Arbeitsplatz zu vermitteln, werden Sie keine falschen Erwartungen wecken, sondern genau jene Mitarbeiter für sich gewinnen, die zu Ihnen und auf das Jobprofil passen. Und, die sich auch auf eine lange Partnerschaft mit Ihnen einlassen.