Beziehungs/Weise

Fürs Willkommen im Unternehmen
gibt es keine zweite Chance

Harald Jeschke

01. 04. 2017
Lesezeit: 5 Minuten

Donja Bregom (Name geändert; Anm. d. Redaktion) hat sich heute ganz besonders fein gemacht. Statt des üblichen Gehörschutzes, der Arbeitskleidung und ihrer Sicherheitsschuhe trägt sie einen Hosenanzug und Pumps. Denn der heutige Arbeitstag ist wie ein Feiertag für sie: Sie wird nicht an ihrer CNC-Maschine stehen und hochpräzise Wellen für Lkw-Getriebe produzieren, sondern als Willkommens-Botschafterin ihres Unternehmens tätig sein.

Sie wird zwei neuen Lehrlingen, zwei frischgebackenen Diplomingenieuren und einer kaufmännischen Assistentin ihre Firma zeigen. Sie hat das zwar schon einige Male gemacht, und sie ist auch nicht die Einzige im Unternehmen, die das regelmäßig tut, aber für sie ist das immer wieder eine Herausforderung. Und sie genießt es, für die Firma sprechen zu können. Sie findet, dass das eine besondere Auszeichnung ist.

Danja war während der Balkankriege vor rund 20 Jahren von Bosnien nach Österreich gekommen und hatte in diesem Unternehmen als Hilfskraft in der Fertigung angefangen. Inzwischen spricht sie ausgezeichnet Deutsch, aber bei manchen Fachbegriffen ist sie noch ein bisschen unsicher.

Ihre Kolleginnen und Kollegen helfen ihr aber bereitwillig weiter, wenn sie ins Stocken kommen sollte. Sie ist inzwischen eine wertvolle und sehr beliebte Facharbeiterin, die sich für ihre Rolle als Willkommens-Botschafterin einige Tipps von der PR-Chefin des Hauses abgeschaut hat. Sie ist auf sich und ihre Firma stolz: Das Unternehmen ist ein hidden champion und Exportweltmeister bei Getriebeteilen und beschäftigt fast 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Und was das Schönste ist: Danja kann sich inzwischen zu den Fertigungs-Expertinnen der Branche zählen und bekommt das auch immer wieder bestätigt. Man hat sie sogar schon abwerben wollen. Sie ist gefragt.

Die ersten Stunden im Unternehmen

Heute wird sie eine erste Verbindung zwischen der Stamm-Mannschaft und den neuen Kolleginnen und Kollegen herstellen. Die Neuen sollen ja schließlich wissen und spüren, worauf es in der Firma ankommt, und dass sie hier willkommen und richtig sind. Ihr Signal an sie: Mit deiner Mitarbeit beginnt ein wichtiger Lebensabschnitt für dich und für unser gesamtes Unternehmen.

Nicht viele Unternehmen sind auf die Aufnahme und die Begrüßung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorbereitet. Sehr oft brauchen neue Leute viele Tage und einige Anläufe, um mitzubekommen, wie der Laden tickt und wo die Entscheidungslinien verlaufen.

HR-Experten und -Expertinnen sind davon überzeugt, dass die ersten Stunden im Unternehmen neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Art der künftigen Zusammenarbeit ganz besonders prägen: An diesem ersten Tag würden die meisten Leute ihre Erwartungen am Look & Feel des Unternehmens reflektieren und im Innersten schon weiterführende Entscheidungen treffen:

„Wer auf Anhieb spürt, dass er willkommen ist, hat nicht nur seine Entscheidung für das Unternehmen bestätigt bekommen, sondern auch Motivation getankt.“

Fast 20.000 Betriebe in Österreich sind derzeit auf der Suche nach guten Facharbeiterinnen und Facharbeitern und bezeichnen die Lage als kritisch. Manche sehen darin sogar eine Gefahr für ihre weitere Entwicklung und für das Wachstum ihrer Unternehmen. Personalexperten, Personalexpertinnen, –beraterinnen und -berater kennen die Probleme aus vielen Gesprächen mit Unternehmern und Unternehmerinnen:

„Nur wenn wir dieses Problem lösen, wird unsere Wirtschaft in Zukunft weiterwachsen können. In den letzten Jahren haben Themen wie Industrie 4.0, steigende Personalkosten und die generelle Angst vor einer Überdigitalisierung die Bereitschaft der Unternehmer gebremst, in Human Ressources zu investieren.

Dieses Zögern überträgt sich natürlich auch auf die Mobilität und die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Stillstand ist die Folge.“

Der Willkommensprozess

Sven Jeschke ist Mitglied des Ausbilderforums Tirol und Doktorand an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. Er erforscht, was die Tiroler Unternehmen tun müssen, um Lehrlinge zu bekommen und Facharbeiterinnen und Facharbeiter zu gewinnen und sie in den Betrieben zu halten:

„Gute Leute jeden Alters sind längst keine klassischen Arbeitnehmer mehr, sondern längst Investoren in eigener Sache. Sie wissen um ihren Wert und kennen die Bedeutung der Beiträge, die sie für den Erfolg der Unternehmen leisten können. Sie wollen deshalb tragfähige Perspektiven und gute Gründe, warum sie einen wichtigen Teil ihrer Lebenszeit in einen ‚Arbeitgeber‘ investieren sollen. Lehrlinge suchen vor allem Ansprechpartner und Coaches“.

Allerdings seien derzeit nur wenige Tiroler Betriebe auf einen Willkommensprozess vorbereitet:

„Fast alle lassen das einfach auf sich zukommen. Kaum jemand nimmt sich Zeit für die Neuankömmlinge. Das erschwert die Integration in die Unternehmenskultur und macht den Aufbau kooperativer Workflows ganz besonders schwerfällig.“

Donja hat auch diesen Tag als Willkommens-Botschafterin mit Bravour absolviert. Sie hat dabei erkannt, dass sie sich dieser Tätigkeit noch viel intensiver annehmen will, und kann ja auch sprachliche Kompetenzen einbringen. So würde die Integration von Migranten aus ihrem Herkunftsland wesentlich reibungsloser ablaufen können. Noch am selben Abend hat sie sich mit ihrer Chefin darüber unterhalten und erfahren, wie ihr Weg zur Markenbotschafterin und zum Integrations-Coach aussehen könnte.

„Das Besondere an unserem Unternehmen ist ja, dass man hier auch über ganz neue Ideen auf Augenhöhe mit den Chefs reden kann“

... sagt Donja und strahlt über das ganze Gesicht.