Beziehungs/Weise

Arbeitszeit:
die neue Währung

Edin Mustedanagic

01. 03. 2017
Lesezeit: 4 Minuten

Zeit ist eine knappe Ressource und sehr teuer. In Österreich ändert sich gerade unsere Einstellung zur Arbeitszeit. Andere Kulturen gehen mit dem Thema entspannter um, selbst unsere europäischen Nachbarn. Bei retrospektiver Betrachtung können wir auch über uns selbst staunen. Eine Zeit- und Kulturreise.

In Österreich ist in den meisten Unternehmen zwischen 12.00 und 13.00 Uhr Mittagspause. Das haben wir so gelernt und das finden wir gut. Die spanischen Kollegen müssen da schon ihre inneren Uhren umstellen, wenn sie bei uns arbeiten. Eine lange Mittagspause mit Siesta, zwischen 14.00 und 17.00 Uhr, ist heute noch vielerorts in Spanien üblich. In dieser Zeit tankt man Energie, um in den Abend- und Nachtstunden produktiv sein zu können. Auch für die Italiener ist die Mittagspause weniger eine kurze Arbeitsunterbrechung als viel mehr ein ausgedehntes Ritual, um soziale Kontakte zu pflegen. Espresso? Sì.

Unsere mitteleuropäische Einstellung zur Arbeitszeit und dem, was wir allgemein „Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben“ nennen, ist zu einem sehr hohen Grad kulturell geprägt. Andere Kulturen gehen mit dem Thema entspannter um. In den Vereinigten Arabischen Emiraten, beispielsweise, wird während des islamischen Fastenmonats Ramadan die tägliche Arbeitszeit reduziert.

Das Geschäftsleben stellt sich darauf ein. Der Wunsch, sich Arbeits- und Freizeit individueller organisieren zu können, ist auch in Österreich ein Thema, dem sich HR-Verantwortliche und Recruiter nicht entziehen können. Die Generation Y und Jüngere sehen weniger Prestige und Geld als Statussymbole, sondern Freizeit und persönliche Freiräume. „Work-Life-Balance“ ist für sie zum primären Entscheidungskriterium für oder gegen einen Arbeitgeber geworden. Auch ein Kulturwandel.

Wandel ist die Regel und nicht die Ausnahme in Kulturen.

Es mag heute vielleicht verblüffend klingen, aber in Europa hatten wir über Jahrhunderte eine sehr individualisierte Arbeitszeitregelung. In der Agrargesellschaft des Mittelalters gab es praktisch keine Trennung von Arbeitszeit und Freizeit. Wohn- und Arbeitsort waren ident. In den Sommermonaten wurde von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, gearbeitet, wobei Phasen des Schaffens und der Ruhe wechselten.

Trotz der langen Arbeitstage war die Produktivität im Vergleich zu heute sehr niedrig. Die Frage der Produktivität begleitet uns heute noch. Immer mehr Unternehmen denken darüber nach, die starr festgeschriebene Büroanwesenheit, die kaum ein Gradmesser für Effektivität ist, durch andere, produktivitätsfreundlichere Arbeitszeitmodelle und Vereinbarungen zu ersetzen.

Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Personalplanung und die Einteilung von Urlaub und Zeitausgleich. Einen Urlaub, wie wir ihn heute kennen, gab es im europäischen Mittelalter im Übrigen nicht – dafür eine Vielzahl an weltlichen und kirchlichen Feiertagen. Bis zur industriellen Revolution war es durchaus üblich, dass Gesellen montags nicht zur Arbeit erschienen, sondern sich vom Wochenende „erholten“. Der Begriff „Blauer Montag“ ist bis heute geblieben. Erst mit der Industrialisierung änderte sich die Balance zwischen Arbeits- und Freizeit radikal – zu Ungunsten der letzteren.

Arbeitszeitguthaben sind ein Finanzthema für Unternehmen.

Zeit ist zu einer Währung geworden. Die Anhäufung von Arbeitszeitguthaben stellt Unternehmen vor planerische Herausforderungen und kann sogar zu einem Finanzproblem werden. Gleichzeitig müssen viele Arbeitnehmer mit der Realität umgehen lernen, dass Sie Mehrleistung in Form von Zeitguthaben vergütet bekommen.

Beim Thema Arbeitszeitflexibilität sind beide Partner realistischer, beweglicher und fortschrittlicher als ihre jeweiligen Interessensvertreter. 

Zeitfresser lauern überall: in Form von immer neuen Produkt- und Freizeitangeboten sowie einem Medien- und Informationsangebot, das für das Individuum längst nicht mehr zu managen ist. Genau aus diesem Grund wird uns weiterhin das unangenehme Gefühl begleiten, dass unsere Welt immer lauter, immer schneller und unberechenbarer wird.

In dieser dynamischen Zeit, in der es scheinbar alles gibt außer Zeit, werden stabile zwischenmenschliche Beziehungen immer wichtiger werden: zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Vorgesetzen und Mitarbeitern, zwischen Kolleginnen und Kollegen, generell zwischen den Menschen.

Sich dieser Entwicklung bewusst zu werden ist wesentlich für eine im wahrsten Sinne zeitgemäße HR-Kommunikation.

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